Gedichte

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Antoine de Saint-Exupéry (Werk: Der Kleine Prinz)

gemeinsam
Waldeinsamkeit

pdf Waldeinsamkeit  Gedicht von den Naturgeistern von Heinrich Heine

Die Schnecke

Die Schnecke

"Ich gehe in mich selbst hinein, und dort bleibe ich.
Die Welt geht mich nichts an!
Und damit begab die Schnecke sich in ihr Haus hinein
und verkittete dasselbe.

aus Die Schnecke und der Rosenstrauch 1861
von Hans Christian Andersen

Winterschnecke

Versiegelt die Tür
und sinkt dann in tiefen Schlaf
Die kleine Schnecke.

Kobayashi Issa 1763-1827

 

Die Schnecken

Die Schnecken

Rötlich dämmert es im Westen,
Und der laute Tag verklingt,
Nur daß auf den höchsten Ästen
Lieblich noch die Drossel singt.

Jetzt in dichtbelaubten Hecken,
Wo es still verborgen blieb,
Rüstet sich das Volk der Schnecken
Für den nächtlichen Betrieb.

Tastend streckt sich ihr Gehörne.
Schwach nur ist das Augenlicht.
Dennoch schon aus weiter Ferne
Wittern sie ihr Leibgericht.

Schleimig, säumig, aber stete,
Immer auf dem nächsten Pfad,
Finden sie die Gartenbeete
Mit dem schönsten Kopfsalat.

Hier vereint zu ernsten Dingen,
Bis zum Morgensonnenschein,
Nagen sie geheim und dringen
Tief ins grüne Herz hinein.

Darum braucht die Köchin Jettchen
Dieses Kraut nie ohne Arg.
Sorgsam prüft sie jedes Blättchen,
Ob sich nichts darin verbarg.

Sie hat Furcht, den Zorn zu wecken
Ihres lieben gnädgen Herrn.
Kopfsalat, vermischt mit Schnecken,
Mag der alte Kerl nicht gern.
 
Busch, Wilhelm (1832-1908)
Der Ichthyosaurus

Der Ichthyosaurus

Es rauscht in den Schachtelhalmen,
verdächtig leuchtet das Meer,
da schwimmt mit Tränen im Auge
ein Ichthysaurus daher.

Ihn jammert der Zeiten Verderbnis,
denn ein sehr bedenklicher Ton
war neuerlich eingerissen
in der Liasformation.

"Der Plesiosaurus, der alte,
er jubelt in Saus und Braus,
der Pterodaktylus selber
flog neulich betrunken nach Haus.

Der Iguanodon, der Lümmel,
wird frecher zu jeglicher Frist,
schon hat er am hellen Tage
die Ichthyosaura geküßt.

Mir ahnt eine Weltkatastrophe,
so kann es länger nicht gehn;
was soll aus dem Lias noch werden,
wenn solche Dinge geschehn?"

So klagte der Ichthyosaurus,
da ward es ihm kreidig zu Mut,
sein letzter Seufzer verhallte
im Qualmen und Zischen der Flut.

Es starb zu derselbigen Stunde
die ganze Saurierei,
sie kamen zu tief in die Kreide,
da war es natürlich vorbei.

Und der uns hat gesungen
dies petrefaktische Lied,
der fand's als fossiles Albumblatt
auf einem Koprolith.

Josef Viktor von Scheffel

Deine Hand

Deine Hand

Als Baumwollblüte
im Freien,
Nahm ich meinen Anfang.
Eingebracht wurde ich dann und gewaschen.
Es folgten die harten Schläge der Frau des Kämmerers.
Und rundum zu feinem Garn gesponnen wurde ich
Auf dem Spinnrad einer weiteren Frau.
Das Auf und Ab des Webstuhls dann
Machte mich zu Tuch,
Und auf dem Waschbrett feuchteten und schleuderten
Die Wäscher mich, solange es ihnen nötig schien.
Und mit Erde und Knochen bleichten und rieben sie
Mich rein
-Wie staunte ich selbst!
Des Schneiders Schere dann, Stück um Stück,
Und sorgfältig letzte Stiche vollendeten das Werk.
Kleid bin ich nun
Und so finde ich Dich und die Freiheit.
Wie schwierig doch dieses Leben-
Bevor man sie nimmt, Deine Hand.

von Lallaji

zitiert aus " Freiheit, ein einziger Aufschrei nur" Annette Kaiser über die indische Mystikerin Lallaji

2011 im Theseus Verlag, Bielefeld